zur Übersicht "Schwerpunkt Musik"

Autor:

Titel:

Stichwörter:
Erstausgabe
Signiert

Für Inhalte und Verlässlichkeit von  externen Webseiten übernehme ich keine Verantwortung!

 

 

 

 

 

Exotisch soll es sein, aber auch ernsthaft
Wie die Globalisierung Kompositionen und Multimedia-Projekte anregt.

© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 2002. 


Hyperlinks
sollten aktuell sein. Bei fehlerhaften oder toten URLs bitte ich um ein kurzes E-Mail mit Hinweis auf die entsprechende Seite und den Link. Danke.


Links



für DeutschlandRadio Berlin "Fazit"
Samstag, 3. August 2002, 23:10 - 00:00 Uhr


Über die Folgen der Globalisierung wird in der Musikwissenschaft erst  seit kurzem diskutiert. Das gilt nicht nur für Deutschland sondern weltweit. Allein die Musikethnologen, die von jeher beobachten, wie Musik durch Länder und Kulturen wandert, haben sich schon zuvor damit beschäftigt. Sie fasziniert, was vor Ort geschieht, wie und warum Klänge aus anderen Teilen der Welt in die eigene lokale Musikkultur aufgesogen werden. Auf dem Kongress der , um die damit zu bereichern oder zu aktualisieren. Auf dem 17. Kongress der 'International Musicological Society' im belgischen Leuven (Löwen) war das eines der großen Themen.

Der Altmeister der Musikethnologie, der US-Amerikaner Bruno Nettl, berichtete auf dem Kongress in Löwen darüber, dass die Schwarzfußindianer in seiner Heimat sog. Weltmusik aus Indien kennen und völlig unproblematisch in ihre eigene ethnische Musik eingebaut haben, während auf der anderen Seite westliche Musik im Iran kaum Einflüsse hinterlassen hat, obwohl ob lange Periode enger ökonomischer und kultureller Beziehungen mit Persien gab. Die musikalischen Erfahrungen bis hinein in die Melodiebildung sind offenbar so verschieden, dass eine Integration nicht ohne weiteres möglich ist. Aber das ist natürlich nicht der einzige Grund, gibt Detlef Altenburg zu bedenken, Professor an der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ Weimar/Jena und zugleich Präsident der Deutschen Gesellschaft für Musikforschung:

O-Ton 1 (Prof. Dr. Detlef Altenburg, Weimar)
Das ist natürlich auch immer wieder abhängig von den politischen Bedingungen. Vor nicht allzu langer Zeit war ja auch eine sehr unterschiedliche Situation bei zwei Staaten, die sehr eng beieinander liegen. Ich meine jetzt Polen und die DDR. Die Wahrnehmung des Westens war in Polen eine ganz andere als in der DDR. Und in der polnischen Neuen Musik wurde etwas überspitzt formuliert, der Eiserne Vorhang übersprungen, einschließlich der gesamten DDR. Die Wahrnehmung von dem was in Frankreich oder was in Deutschland passiert, war in Polen sehr viel intensiver als die Wahrnehmung etwa in der DDR.

Seit diese Grenzen vor mehr als 10 Jahren gefallen sind, hat die Globalisierung noch einmal an Dynamik gewonnen. Künstler spielen jetzt immer häufiger mit den Möglichkeiten, die sich daraus ergeben. Musik, klangliche und visuelle Images aus aller Herren Länder können nicht mehr nur durch Reisen zusammengetragen werden. Auf Servern in aller Welt steht vieles davon auch zum Download aus dem Internet zur Verfügung und verlockt zur Nutzung. Mit diesem Material lässt sich  durch Synthesen neue Musik schaffen, die in die Zeit hinein spricht.

Der Videokünstler Yo-Yo Ma hat zwar japanische Wurzeln, aber er ist Amerikaner. Er spricht auch kein Japanisch. Dennoch experimentiert er in einer Videoserie u.a. mit einer alten japanischen Tanztradition, dem Kabuki-Tanz und Musik von Johann-Sebastian Bach, z.B. mit einer Suite für Cello-Solo. Yo-Yo Ma empfindet  Bachs Musik nicht nur als poetisch, sondern sogar als malend. Und das versucht er umzusetzen. Die Wiener Professorin für Musikgeschichte, Cornelia Szabó-Knotik beschreibt dieses Projekt.

O-Ton 2 (Prof. Dr. Cornelia Szabó-Knotik, Wien)
Es gibt in der Anfangssequenz so einen Blick auf Tokio aus der Vogelperspektive, wo eine Kreuzung mit einem Zebrasteifen ganz grafisch aufgenommen wurde in einem sehr harten grauen Licht. Und danach kommt sozusagen eine Feder, die auf offensichtlich sehr körniges Pergament einen japanischen Buchstaben malt. Ich habe da das Beispiel erwähnt von Peter Greenaways' Bettlektüre, wo es ja auch darum geht, dass seine Frau die Rücken ihrer Liebhaber mit japanischen Texten bemalt. In der Visualisierung spielt das Projekt mit demselben Mittel. Da sieht man auch immer diese Rücken und diese Buchstaben, die sinnlich, feucht geradezu, auf die Haut aufgetragen werden. So ähnlich ist das, wenn hier dieser weiße Buchstabe auf dieser schwarzen Fläche den programmatisch gewählten Titel des nächsten Bachsatzes einleitet. Aber es sind natürlich auch diese ganz komplizierten Kleidungsstücke des Kabuki-Tänzers, der der Tradition folgend als Frau auftritt und zwar in jedem Satz als ein anderes Frauenrollenmodell. Das gehört zum Kabuki-Theater auch dazu.

Große multinationale Musikunternehmen, in diesem Fall SONY, unterstützen solche Projekte und hoffen auf diese Weise klassische Musik durch Visualisierung popularisieren zu können. Exotisch soll es sein, aber irgendwie auch ernsthaft. Eine Melodie, die auf dem Plattenmarkt kaum Chancen hätte erfolgreich  zu sein, wird durch die Bebilderung aufgepeppt, gerät dabei allerdings gleichzeitig in den Hintergrund.

O-Ton 3 (Prof. Dr. Cornelia Szabó-Knotik, Wien)
Ich glaube, dass solche Produkte sehr komplexe Verbindungen von verschiedensten Elementen sind, von verschiedenen Klischees sind. Insofern hat eben so ein Produkt wie dieses eine Video, um jetzt bei diesem Fallbeispiel zu bleiben, definitiv zu tun mit einer gleichzeitig stattgefundenen Japanmode. Die muss man ja konstatieren, also dieser Trend von Sushi-Lokalen und Lackmöbeln und allem, was damit verbunden ist: so Coolness, aber gleichzeitig auch alte Tradition. Das findet sich ja auch in diesem Video, denn die alte Tradition ist ja hier kurioserweise nicht der Bach, sondern das Kabuki-Theater. Das ist ja an sich noch eine ältere Sache. Und der Bach wäre dann das abendländische Raffinement dazu.

Bachs Musik und der traditionelle Tanz haben sich an sich nichts zu sagen und doch entsteht etwas Neues. Was hier dem exotischen Tanz widerfahren ist, geschieht eben auch mit exotischer Musik. Prof. Altenburg zur Diskussion während des Kongresses über den Wandel der Musik:

O-Ton 4 (Prof. Dr. Detlef Altenburg, Weimar)
... und dabei wurde festgestellt, dass einerseits bei dieser Globalisierung in der Wahrnehmung der Musik anderer Kulturen ein enormer Beschleunigungsprozess stattfindet, dass andererseits natürlich auch ganz entscheidende Veränderungen eintreten, weil das Aufnehmen der Musik fremder Kulturen natürlich auch immer dazu führt, dass eigene Dinge modifiziert oder aufgegeben werden. Nur, das ist alles nichts Neues, es hat sich nur unter anderen Bedingungen vollzogen. Das schöne an dieser Entwicklung ist, bei der – ich will nicht sagen erstmals - aber doch Krieg keine Rolle spielt, sondern dass es eine Entwicklung ist, die nicht im Zusammenhang mit Siegern und Besiegten stattfindet, sondern eine Entwicklung, die zusammenhängt mit der technologischen Entwicklung unserer Zeit. 

Und daraus ergeben sich unendlich viele Möglichkeiten für das Komponieren und Musizieren. Ein Problem freilich ist, dass die damit verbundenen künstlerischen Rechte und Vertriebsmöglichkeiten immer stärker auf wenige weltweit operierende Unternehmen übergehen. Lange Zeit hat der Staat versucht, Musikpolitik zu betreiben und unliebsame Klänge zu unterdrücken. Viele Staaten machen das heute noch, wenn auch mit abnehmenden Erfolg. Jetzt hat vor allem die Musikindustrie die Verfügungsmacht und könnte dazu neigen, Kompositionen allein unter dem Aspekt der Profitabilität zu ermöglichen. Das aber hätte schwerwiegende Folgen für musikalische Qualität, ganz unabhängig vom Genre, meint Professor Altenburg.

O-Ton 5 (Prof. Dr. Detlef Altenburg, Weimar)
Man darf das nicht aus dem Blick verlieren, dass diese Gefahren da sind. Die Wissenschaft ist das Analyseinstrument und das Seziermesser der Entwicklung, und das, ich hoffe, auf die Phänomene hinweist, darauf aufmerksam macht, auch ein Bewusstsein weckt.

  Weiterbildung für alle! Über 200 Fernlehrgänge an Deutschlands größter Fernschule!


Zurück zur Seite "Überlegungen zur Musiktheorie"