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Über den Tellerrand hinaus
Das Millenium machte es möglich. 15 Organisationen trafen sich in Toronto zu einem musikwissenschaftlichen Mega-Event: "Musical Intersections"

© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 2000. 


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für Westdeutscher Rundfunk "Musikszene"
Mittwoch, 9. November 2000, 12:20 - 13:00 Uhr


Den Anlass bot die magische Zahl: das Jahr 2000. Bis dahin hatte es zwar immer wieder Kooperationskongresse zwischen verschiedenen musikwissenschaftlichen Verbänden gegeben, aber noch nie mit dieser Breite an wissenschaftlichen Zugängen, Interessen und Genres. Dieses Milleniums-Event forderte von den beteiligten Organisationen ein hohes Maß an Offenheit. Alle Veranstaltungen waren für alle offen, und die beteiligten Institutionen einigten sich darüber hinaus auf ein partiell gemeinsames Programm. Das sollte die Schnittstellen, die 'Intersections' markieren.

 

O-Ton 1 (Interview mit Prof. Dr. Walter Frisch, New York)   
Was sie hier suchen, ich glaube, ist das: “Was für Fragen haben wir gemeinsam. Zum Beispiel mit klassischer Musik kann man ja die Formenanalysen oder die biografische Detail des Kompositoriums. Aber man kann auch eine mehr ethnografische oder 'sociological' Forschung machen. So kann von einem Fach in einem anderen einige Methoden importieren ein bisschen.

Der Brahmsforscher Walter Frisch von der Columbia University in New York war einer von rund 3400 Teilnehmern, die sich in Toronto zu dieser Mega-Konferenz zusammengefunden hatten. 15 verschiedene kanadische und US-amerikanische Organisationen aus allen Feldern der Musikforschung hatten sich hier versammelt , um über den Tellerrand ihrer jeweiligen Disziplin hinauszublicken: die noch stark von der europäischen Musikwissenschaft und der europäischen klassischen Musik beeinflusste American Musicological Society, die allen Stilrichtungen der Musik zugewandte Gesellschaft für amerikanische Musik, die Blasmusikforscher, die Musikethnologen, Musikpsychologen, Vertreter der Musikhochschulen und der Popularmusikforschung. Und so ist es kein Wunder, dass in unzähligen Workshops und den Musikdarbietungen in den Pausen ganz unterschiedliche Klänge zu hören waren.

Atmo 1 (Gamelanmusik)   

Während die Musikethnologen das Gamelanmusik-Ensemble der Eastman School of Music der University of Rochester aufspielen ließen, präsentierte die Society for American Music die Pianistin Elaine Chew mit zeitgenössischer chinesischer Musik:

Atmo 2 (chinesische Klaviermusik)   

Jedes Genre hatte hier sein wissenschaftliches Forum, auch Musik, die zwar gehört, aber oft nicht bewusst wahrgenommen wird, weil sie Teil einer Bildergeschichte ist: als Dramatisierung im Nachrichten-Fernsehen, als Musik-Video und natürlich als stilistisches Element im Unterhaltungs- oder Dokumentarfilm. Es ging aber erst in zweiter Linie um die bekannten populären Soundtracks. Im Mittelpunkt standen vielmehr die feinen musikalischen Akzente. Zum Beispiel in „Pleasantville“, einem Film, der 1998 in die Kinos kam und gegen eine allzu simple Gegenüberstellung von Gut und Böse und Richtig und Falsch in der amerikanischen Gesellschaft zu Felde zieht. Die Filmhelden werden zurückversetzt in die fünfziger Jahre und sehen sich verblüfft im Schwarz-Weiß-Fernsehen. Ihre spontane Reaktion: „We are supposed to be in Colour“ – Wir müssten farbig sein.

Atmo 3 (Szene, Filmmusik aus "Pleasantville")   

Die Musik akzentuiert das Erlebnis eher minimalistisch, um dem Erstaunen Raum zu geben.

Dass Filmmusik bislang auch in Amerika noch wenig beachtet wird und erst bei dieser Konferenz an prominenter Stelle im Programm erscheint, erklärt der Musikwissenschaftler James Deaville von der kanadischen MacMaster-University*) so:

O-Ton 2 (Interview mit Prof. Dr. James Deaville, Ottawa)   
Zunächst mal gab es immer eine Kritik an der Filmmusik, und das hat seine Anfänge im 19. Jahrhundert als Eduard Hanslick und andere Musikkritiker die Programmmusik so scharf verurteilt haben. Und das heißt, dass eine Verbindung von Musik und etwas Nicht-Musikalischem nicht ins Bild passt. Und das hängt natürlich auch mit der Philosophie von Hegel und anderen deutschen Idealisten – und das ist ein Erbe aus alter Zeit, was wir in den USA und auch in Kanada, mit dem wir noch leben müssen. Zum Teil weil unsere Musikwissenschaft  zum großen Teil von den deutschen Musikwissenschaftlern früher in diesem Jahrhundert geprägt wurde. D.h. Positivismus, Musik als Text, aber als Text der nichts anderes sagt als etwas Musikalisches und jede Verbindung mit Wort und Bild war zu vermeiden, weil das die Grenzen der Musik überschreitet.

Aber Musik ist heute natürlich  allgegenwärtig. Insofern steigt auch in der etablierten Musikwissenschaft das Interesse an Phänomenen, die die Musik begleiten oder die Musik begleitet.

Die Idee zu diesem – auch für amerikanische Verhältnisse – außergewöhnlichen musikwissenschaftlichen Spektakel entstand vor fünf Jahren in den Reihen der eher musikpraktisch orientierten College Music Society. Den Anlass bot die magische Zahl: das Jahr 2000. Das Milleniumsevent forderte von den beteiligten Organisationen ein zumindest partiell gemeinsames Programm zu entwickeln, um damit dem Anspruch, musikalische Schnittstellen zu markieren, zu konkretisieren. Das Verhältnis von Medien, Technologien und Musik wurde ein zentrales Thema. Die Musikethnologin Virginia Danielson hat an dem Katalog gemeinsamer Sitzungen mitgearbeitet.

O-Ton 3 (Dr. Virginia Danielson, Harvard University)   
I think, there is also a great interest in digital technology, and one sees that in the joint sessions where digital technology is addressed as a teaching mechanism, as a resource, for musical attitudes towards music, and of course as a way for transmitting music and for preserving and perpetuating and so far and so on. We’ve seen a couple of sessions involved in that. One yesterday, that included mechanisms for using technology. At the same time did the final paper critiqued the ways on which digital audio technology comes into our lives as being excessively top down or controlling from external agencies rather than controllable. So, both, the processes of using the technology and the impact that it has on our social life is part of the discussion.

Es gibt ein großes Interesse an digitalen Technologien. In den gemeinsamen Sitzungen werden sie als Methode und Mittel in der Lehre diskutiert, oder als Informationsquelle über Musik und musikalisches Verhalten, und natürlich als ein Medium der Übermittlung von Musik oder Möglichkeit , Musik aufzubewahren und zu verewigen. In einer Sitzung gestern zum Beispiel ging es um Mechanismen, die es nahe legen, Technologien einzusetzen, etwa zur Interpretation. Der letzte Beitrag allerdings kritisierte, dass die Digitaltechnologie ausufert und uns mehr oder weniger in allen Lebensbereichen aufgezwungen wird. Diese Einflüsse kämen von Agenturen außerhalb der Musik und seien praktisch nicht zu kontrollieren. Also, Teil unserer Debatten über Technologien sind die Prozesse, die dazu führen, dass wir sie nutzen, aber zugleich auch die Frage, welche Auswirkungen das auf unser Musikleben hat.

Mindestens ebenso wichtig ist die Frage, wie Musik künftig unterrichtet werden soll, und vor allem was unterrichtet werden soll. In einer Zeit, in der ständig neue Formen und Varianten von Musik entstehen, ist die Frage schwer zu beantworten, was notwendig zum Kanon gehört, und das blieb natürlich auch in Toronto umstritten.


*) Professor Deaville lehrt mittlerweile als außerordentlicher Professor an der 'School for Studies in Art and Culture' der Carleton University von Ottawa/Kanada.


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