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Selbstkritik & Visionen - Akzente für einen Paradigmenwechsel
Musikwissenschaftler diskutieren in Oldenburg über marxistisch angeregte Theoriebildung

© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 1999. 


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für Westdeutscher Rundfunk "Musikszene"
Mittwoch, 10. November 1999, 12:20 - 13:00 Uhr


Der Zusammenbruch der DDR bedeutete für die meisten Musikwissenschaftler an den Universitäten Ostdeutschlands den Verlust ihrer Lehrstühle. Das galt in jedem Fall für die ausgewiesen marxistischen Professoren. War im Osten Musikwissenschaft einst per definitionem marxistisch geprägt, konnten sich im Westen nur einige auf ihrem Marsch durch die Institutionen akademisch etablieren. Zehn Jahre nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten, trafen sich die Abgewickelten aus dem Osten und die verbliebenen Etablierten aus dem Westen, um über die Zukunft marxistisch inspirierter Musiktheoriebildung und -forschung zu diskutieren.

Fast alle Musikwissenschaftler auf der Oldenburger Tagung verstanden sich irgendwie als Marxisten oder vom Marxismus beeinflusst. Die einen repräsentierten in 40 Jahren DDR  das dort vorherrschende Verständnis von Musik, die anderen dagegen aus dem Westen spielten in der akademischen Welt der Bundesrepublik auch mit Professur eher die Rolle von Paradiesvögeln: sie setzten sich ab von der hier dominierenden Lehre und versuchten Akzente für eine neue Musikforschung zu setzen, für einen Paradigmenwechsel. Die Tagung sollte versuchen, diese beiden Erfahrungen in den Dialog zu bringen. 

Für die Bremer Professorin für Sozialgeschichte der Musik, Eva Rieger, zum Beispiel war die Beschäftigung mit marxistischen Ansätzen der Erklärung von Musikgeschichte eine Inspiration:

O-Ton 1 (Interview mit Prof. Dr. Eva Rieger, Bremen)   
Im Studium haben wir gelernt, dass Musik etwas Autonomes ist, was sich selbst gehorcht, und es war für mich eine neu Erfahrung, eine wichtige Erfahrung als ich die Theorien auch von Kollegen aus der DDR und der Sowjetunion las, auch die von Adorno, wonach Musik in sich eingebettet ist in Gesellschaft - die Tatsache, dass alle Musik in sich, auch in dem Tönenden, was man zu hören bekommt, selbst auch Gesellschaftliches in sich enthält, hat mich sehr beschäftigt.

Ohne die wirtschaftlichen Verhältnisse zu betrachten, ist für Marxisten ein angemessenes Gesellschaftsverständnis freilich nicht vorstellbar. Auf ihrem Weg zur feministischen Musikgeschichte, war für Eva Rieger der Marxismus ein Zwischenschritt, einer, der ihr z.B. durch marxistische wissenschaftliche Literatur vermittelte, das die Musik Ende des 18. Jahrhunderts immer weniger höfisch beeinflusst und dafür umso stärker vom aufstrebenden Bürgertum und seinen Werten geprägt wurde.

O-Ton 2 (Interview mit Prof. Dr. Eva Rieger, Bremen)   
Ich habe lange Jahre gesungen im philharmonischen Chor in Berlin. Und bei den Messen Oratorien fiel mir auf, dass die Beschreibung von Gott immer mit Posaunen, mit Hörnern, mit einem repräsentativen Instrumentarium vor sich ging, während die Beschreibung von Maria mit Flöte, Harfe, Sologeige usw. geschah. Ich wusste, dass aufgrund auch von Büchern, dass die Musik verbürgerlicht wurde um 1790, und mir war klar, dass diese Musik, die Gott beschreibt, auf den bürgerlichen Mann übergegangen ist, und die filigrane Musik, die Maria beschreibt, auf die tugendhafte Frau übergegangen ist.

Auch wenn sich bei ihr seit den achtziger Jahren mit den Theorien der Postmoderne Ernüchterung über solch große Welterklärungen wie den Marxismus einstellte, nutzt Eva Rieger marxistisch inspirierte Forschungsergebnisse. Ihre Schlussfolgerung: die Charakterrollen von Mann und Frau, wie sie uns heute noch vertraut sind, sind nicht etwa natürlich, sondern ein Produkt des Emanzipationsprozesses des Bürgertums seit Ende des 18. Jahrhunderts und der Rolle, die sich Männer dabei angeeignet haben.

Musikwissenschaftler in Osteuropa waren lange Zeit nicht so frei in der Auswahl ihres wissenschaftlichen Repertoires. Sie hatten den Auftrag, mit marx'scher Theorie die Welt zu verändern. Ihr Kriterium war Fortschrittlichkeit. Fortschrittlich war Musik dann, wenn sie vom musikalischen Material her und kompositionstechnisch ein Spiegel ihrer Zeit war. Danach war Beethoven auf der Höhe seiner Zeit, während Schubert und Schumann als minderwertig galten. Dieses Konzept öffnete der politischen Gängelung Tür und Tor. Für den slowakischen Musikwissenschaftler Oskar Elschek aus Bratislava begann das schon in den zwanziger Jahren und bestimmte das Fach auch später in den sozialistischen Ländern - mit fatalen Folgen - nicht zuletzt für zeitgenössische Neue Musik. Sein Verdikt in Oldenburg war ziemlich eindeutig.

O-Ton 3 (Prof. Dr. Oskar Elschek, Bratislava)   
Das Musikkonzept des 19. Jahrhunderts wurde als das Erwünschte hochstilisiert. Es wurde dadurch zu einem wertenden Segregations- und Selektionsprozess der Kunst,  die nicht weit entfernt vom Konzept der entarteten Kunst und Musik stand. Sie spielte die Vergangenheit, paradoxerweise der Bürger - aus ihrer Sicht also fortschrittlicher Musik - gegen die zeitgenössische Musik aus, die sie verunglimpfte, verfälschte und unzulässigerweise ideologisierte. Die geistliche Musik wurde in ihrer Bedeutung in der Musikgeschichte heruntergespielt, missinterpretiert und abgewertet.  Es entstand ein unwahres, politisiertes Bild von der Musikgeschichte, für welche die sog. marxistische Musikwissenschaft in ihrer kulturpolitischen Einordnung oder Unterordnung mitverantwortlich war. Es entstand dadurch ein gestörtes Verhältnis zur Musikrealität und zur Realität überhaupt.

Es gab im Osten allerdings auch andere Projekte, denen es gerade um eine verbesserte Wahrnehmung der Realität ging. Anfang der achtziger Jahre gründeten junge Musikwissenschaftler ohne Rücksprache mit der Partei an der Berliner Humboldt-Universität ein Forschungszentrum Populäre Musik. Dort beschäftigte man sich ernsthaft mit einem zeitgenössischem musikalischen Phänomen -  einem, das die Musikwissenschaft hüben wie drüben als minderwertig erachtete und immer noch missachtet. Ihr Leiter, Peter Wicke, hat heute an dieser Universität eine Professur für Populäre Musik. Die Aktualität marxistischer Analysemethoden illustrierte er zur Einführung in seinen Arbeitkreis "Musik und Politik" mit einer Polemik:

O-Ton 4 (Prof. Dr. Peter Wicke, Berlin)   
Wer bei Eric Clapton nicht an den New Beetle von Volkswagen denkt, um nur ein Beispiel für die anvisierte Verschmelzung von Markenname und Musiker zu nennen, darf für sich in Anspruch nehmen, nicht mehr ganz von dieser Welt zu sein. Besser noch: die hedonistischen Guerillakämpfer der Subkultur lassen sich ihre politisch gemeinten Demonstrationen der Sinneslust, vom internationalen Großkapital sponsern. Die Medien sorgen mit einer publizistischen Aufmerksamkeit, die keinem anderen Ereignis der Zeitgeschichte zugebilligt wird, für das angemessene Produktplacement. Und die Alt-Achtundsechziger in den Amtsstuben der kommunalen Verwaltungen legen für einen Moment den Rotstift aus der Hand und die Krawatte ab, um wenigstens bei dieser Gelegenheit ihre Jugendverbundenheit zu demonstrieren.

Die Musikwissenschaft in ihrer traditionellen Ausprägung sei kaum dafür gerüstet, Themen wie Musik, Medien, Globalisierung und Politik angemessen wahrzunehmen, geschweige denn, sie zu analysieren, meint Peter Wicke. Noch immer führe sie Debatten darüber ob irgendeine Musik Kunst sei oder nicht, während die unterschiedlichsten Klangformen der Musik aber tatsächlich wichtige Rollen spielten für die Inszenierung der Kämpfe um die wirtschaftlichen Ressourcen der Zukunft: die Körper, das Denken, Weltbilder, Wünsche, Hoffnungen und Glücksansprüche und die ganz individuellen Koordinaten der Subjektivität.

O-Ton 5 (Prof. Dr. Peter Wicke, Berlin)   
Wenn das Alltagsbewusstsein der Macher, gleich welcher Art, einen höher entwickelten Sinn für die Komplexität der Unterschiede, ihrer Interdependenzen und Widersprüche aufzuweisen hat, als die mit ihnen befassten Akademiker - das lässt sich an den Zeugnisse von MusikerInnen, DJ's und den subkulturellen Aktivisten der diversen Szenen ebenso festmachen, wie an einer Reihe von Statements von Repräsentanten der Kulturindustrie - dann muss daran erinnert werden, dass Denkzeuge brachliegen, die es wert sind, darauf befragt zu werden, ob sich mit ihnen dieser Rückstand nicht abtragen lässt.

 


 
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