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Die Musiksprache des Protestantismus
1999 veröffentlichten EKD und VEF gemeinsam ein Konsultationspapier zum Verhältnis von Protestantismus und Kultur im neuen Jahrhundert.  Kirchenmusik kommt nur in einem Nebensatz vor. 


© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 2000. 


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für Deutschlandfunk - Musikjournal
Montag, 28. Februar 2000, 20:10 - 21:00 Uhr


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O-Ton 1 (Dr. Berthold Höcker, Kiel)

singt einen Gregorianischen Choral

((nach 10" absenken und noch ein wenig dem Text unterlegen))

Es war wenig Musik zu hören im Schlösschen Schönburg der Evangelischen Akademie während dieses Konsultationstages zum Verhältnis von Protestantismus und Musik. Berthold Höcker*), Oberkirchenrat der Evangelischen Landeskirche Nordelbien, improvisierte mit einem Gregorianischen Choral aus dem 10. Jahrhundert, um seine These zu begründen, dass die Kirche eine authentisch eigene Musik benötigt, Klänge, die ein eigenes emotionales Deutungspotential haben, eines, das leistet, was nach Luther auch die Aufgabe der Theologie ist, zu trösten im Leben und im Sterben.

O-Ton 2 (Dr. Berthold Höcker, Kiel)
Wenn die Kirche Kirche sein will, d.h. ein bestimmtes Deute-System in der Konkurrenz verschiedener Deutungssysteme vorzuhalten und in der Gesellschaft präsent zu machen, dann geht es darum mit welcher Form der Musik wir dieses Deutungssystem im Wettbewerb der Systeme am besten präsentieren können. D.h., wie können wir nicht-sprachlich an diese religiösen Sehnsüchte herankommen, die ich versuchte als Erfahrungskategorien zu beschreiben, am besten verwirklichen.

Für den Komponisten und Musiker Reinhard Karger scheint Kirche eine ähnliche Rolle zu spielen. Obwohl vor mehr als 25 Jahren aus der Kirche ausgetreten, waren seine ersten Kompositionen damals welche für den Kirchenraum. Und an den und die dafür angemessene Musik hat er trotz großer Distanz zur Institution "Kirche" bis heute spezielle Erwartungen: Kirche als ein Gegen-Ort zum Alltag:

O-Ton 3 (Reinhard Karger, Kassel)          
Musik in der Kirche ist Musik, die mit Versenkung zu tun hat und eher in diese Richtung geht, und sagen wir mal, jetzt nicht so viel mit tanz zu tun hat. Das ist mein Bild davon, und das, was ich auch brauche als Mensch, als Zuhörer. Und wir alle sind im christlichen Wertesystem, auch jemand, der da mit Gewalt ausbrechen will, kommt nicht raus. Und deswegen hat jeder auch Anknüpfungspunkte, jeder Musiker, jeder Komponist, der was versucht hat, hat Anknüpfungspunkte bei diesem kulturellen Zusammenhang. Es geht gar nicht anders.

Aber die Anknüpfungspunkte sind notwendig verschieden. Harald Homann, Kulturwissenschaftler an der Universität Leipzig, wies darauf hin, dass man unter den Bedingungen der Postmoderne nicht unbedingt von gemeinsamen Erfahrungen ausgehen kann. Ethische und moralische Vorstellungen zum Beispiel seien weitgehend säkularisiert und in erster Linie mit Recht und Gesetz verbunden und nur noch sehr lose mit dem sogenannten christlichen Wertesystem. Kirche und Religion träten als ein kulturelles Angebot auf, und in dieser Funktion würden sie von den Menschen auch nach eigenen Bedürfnissen in Anspruch genommen, das gelte auch für die Musik in der Kirche:

O-Ton 4 (Dr. Harald Homann, Leipzig)       
Ich leide etwas darunter, dass mir die Art der Musik hier als religiöse Musik quasi kontemplativ oktroyiert wird. Ich will das gar nicht  bestreiten, dass  Kontemplation und auch kontemplative Musik einen wichtigen Teil auch religiöser Erfahrung auszudrücken vermag. Mein Spektrum ist damit nicht abgedeckt, und wenn die Kirchenmusik, gerade auch die moderne Orgelmusik, die ich in Kirchen höre, dann ist das mitnichten kontemplativ. Das ist aufregend, das ist Herzschlag und Puls steigernd, das ist dissonant, das ist ärgerlich. Ich glaube, wir müssen damit rechnen, dass sehr viel verschiedene Musikvorstellungen sich auch in einem Kirchenraum treffen bei den Individuen, und dass es hier nach Kontemplation und dort nach Erregung und Aufregung, nach Spannungen, nach Konflikten, aber auch nach Versöhnung tatsächlich Bedürfnisse gibt.

Was aber bedeutet das für die protestantischen Kirchen? Mit der Reformation haben sie eine musikalische Entwicklung ausgelöst, die bis in letzte Jahrhundert immer wieder große Komponisten zu religiöser Musik inspiriert hat. Von dieser Geschichte  - von Schütz, Bach, Teleman, Händel, Mendelssohn - zehrt die Kirchenmusik noch heute. Muss sich die Kirche damit abfinden, dass ihre Musik künftig nur noch kulturprotestantisch sein kann und damit auf kleine Segmente der Gesellschaft, ja sogar der Kirche beschränkt bleibt? Klaus Röhring, Oberkirchenrat bei der Landeskirche Kurhessen-Waldeck ist seit Jahren einer der Initiatoren von "Neuer Musik" in der Kirche. Er formulierte dieses Dilemma in einer Frage:

O-Ton 5 (Dr. Klaus Röhring, Kassel):       
Was bedeutet es eigentlich, ein protestantisches Musikverständnis zu entwickeln in unserer Zeit. Das heißt, wir haben nicht mehr einen Stilmonismus, wie etwa die mittel- und norddeutsche Geschichte zur Zeit zwischen Schütz und Bach.  Wir haben eine Vielfältigkeit von Musikentwicklungen, von Musikstilen, die zwischen U + E sich angesiedelt haben. Wie entwickeln wir in diesem Kontext etwas, was nicht nur "Anything goes", alles ist möglich, alles bleibt beliebig, aber wo wir zwischen den Phänomenen so herumflanieren können, dass wir Bedeutungszusammenhänge entdecken, dass wir etwas herausstellen können, dass etwas deutlich wird. Welche Leistungen müsste die protestantische Theologie erbringen für ein protestantisches Musikverständnis in der Postmoderne?

Das freilich war die wichtigste Frage der ganzen Tagung. Und die wurde nicht beantwortet. Hans Darmstadt, Komponist, Musiker und Kirchenmusikdirektor der Hessen-Waldeck'schen Landeskirche berief sich auf Martin Luther:

O-Ton 6 (Hans Darmstadt, Kassel):    
Luther hat keine Musik für sich vereinnahmt - sehr kluger weise - und der Kulturprotestantismus andererseits kann keine bedeutenden Komponisten nennen, der in irgendeiner Nähe zu ihm gestanden hätte und aus seinem Geist Musik gemacht hätte. So sehe ich auch heute keine sinnvolle Schnittstelle zur Musik der Gegenwart oder zu neuer Musik in der Kirche auf der Schiene Kulturprotestantismus. Und zwar einfach, weil die Theologie, die hiermit verknüpft ist, zu schwach ist.

Die Alternative dazu ist pragmatisch: nicht Kulturprotestantismus, sondern eine Kirche, die der Kunst Raum gibt und sich den Komponisten öffnet, ohne ihre Gefolgschaft zu verlangen. Vielleicht regt dann der Raum und das, was diese Kirche als Kirche lebt, Komponisten an, Musik in ihrem Geist zu schreiben. Mit dieser Hoffnung zog der Hannoversche Musikwissenschaftler Professor Arnfried Edler das Fazit dieses Konsultationstages:

O-Ton 7 (Prof. Dr. Arnfried Edler, Hannover)
Das Kriterium für protestantische Kirchenmusik wäre für mich, wie stark schafft der Protestantismus es in seinem Bereich eine aktuelle Musikaktivität hervorzurufen. Das heißt, dass hier Dinge gemacht werden, d.h. kompositorisch sowohl wie auch von der Aufführung her, die Fragen beantworten, die dazuführen, dass Menschen dort hingehen, die bisher dort nicht hingegangen sind. Das heißt also, dass Kulturaktivitäten, die jetzt in kommunalen Kulturzentren etwa stattfinden,  oder in die Festivalkultur abgewandert sind, dass die in diesem Bereich, im Bereich des Kirchlichen zurückgeholt werden. Dass im Kirchlichen die aufregendsten musikkulturellen Ereignisse stattfinden.

*) Dr. Berthold Höcker ist seit dem 5. September 2004 Citykirchenpfarrer an der Antoniterkirche der Evangelischen Gemeinde Köln.


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