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Kuschelsound statt Orgelklang
- Die neue Kirchenmusik ist umstritten -


© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 1997. 


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für Norddeutscher Rundfunk NDR 4
Sonntag, 16. Februar 1997, 17:30 - 18:00 Uhr

Teil 1 (von 4)

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Musik 1

1. Strophe: Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer,
aus: Thomasmesse in Bremen, 25.9.1994

((nach 22" absenken, dann unter dem Text kreuzblenden mit Atmo 2)) 22

Thomasmesse im evangelischen Bremer Dom. Die Kirche ist überfüllt. Eingeladen sind vor allem Zweifler - Menschen, die, wie einst der Jesusjünger Thomas, skeptisch sind, in den Gemeinden am Rande stehen, aber mit der Kirche noch nicht gebrochen haben, vielleicht sogar zu Kirchentagen fahren, allerdings selten Gottesdienste besuchen. Für sie ist hier an jedem letzten Sonntag des Monats alles ein wenig anders als sonst: Teile der Liturgie werden inszeniert wie ein Theaterstück, andere sind offen wie ein Wochenmarkt: die Menschen können im Dom umhergehen und sich umsehen, an den unterschiedlich geschmückten Altären Fürbittegebete aufschreiben, sich segnen lassen und sogar seelsorgerliche Gespräche führen. Auch die Lieder klingen hier anders als sonst. Band und Chor präsentieren eine Art liturgische Popmusik.

Musik 2 

Wo ein Mensch Vertrauen hegt,
2. Strophe "Da berühren sich Himmel und Erde" von RUHAMA,
aus: Mitschnitt Thomasmesse in Bremen, 25.9.1994

((nach 17" absenken und unterlegen, dann kurz hoch und raus))

O-Ton 1 (Heidi Suhlri, Bremen)
Es wird oft gesagt, die Musik sei toll und sei mitreißend. "Schade, wir konnten nicht mitsingen, weil wir keine Hefte mehr abgekriegt haben von der Thomasmesse. Aber es wird auch sehr oft gesagt, dass die Musik der rote Faden ist, der durch das ganze hindurch geführt hat, und ich merke es immer wieder, dass wir hinterher mordsgeklatscht kriegen und dass die Leute noch bleiben und nicht gehen wollen, und dass wir sie dann quasi mit einem zündenden Rausschmeißer verabschieden müssen, sonst wären wir vielleicht auch ne Stunde länger da.

Heidi Suhlri ist Kirchenmusikerin und eigentlich schon seit Jahren pensioniert. Dennoch, bis vor kurzem leitete sie Band und Chor bei den Bremer Thomasmessen. Anders als die meisten Kantorinnen und Kantoren kam sie früh praktisch mit einer Gattung kirchlicher Laienmusik in Berührung, die bis heute von der Zunft der professionellen Kirchenmusiker misstrauisch beäugt wird: dem neuen geistlichen Lied.

O-Ton 2 (Heidi Suhlri, Bremen)
Ich war 10 Jahre lang in Alt-Saarbrücken als Kirchenmusikerin, und die vier Pastoren, die dort agierten, die wünschten mindestens bei den Schulgottesdiensten moderne Songs. So was hatte ich in meiner Ausbildung überhaupt nicht gelernt und habe mich dann mit Hilfe von Workshops, die in der rheinischen Kirche angeboten wurden, durch Oskar Gottlieb Blarr, durch Peter Jannsens und noch andere Leute wochenlang auf die Schulbank gesetzt sozusagen.

Peter Janssens gehörte einst zu den Pionieren des neuen geistlichen Liedes.

Bereits in den frühen sechziger Jahren bemühen sich Jugendpfarrer in beiden Konfessionen um Klänge, die den Ton junger Leute treffen, und um Lieder, die Themen behandeln, von denen die sich angesprochen fühlen. Für ihre Gemeindearbeit schreiben sie solche Songs auch selbst. Und sie probieren Musik aus mit anderen als den gewohnten Kircheninstrumenten. Bald schon werden diese neue Formen öffentlich vorgestellt: auf Akademiekonferenzen, Evangelischen Kirchentagen und Katholikentagen. Zunächst in der Jugendarbeit zeichnet sich ein neues Leitbild ab: die lebendige afroamerikanische Musik, der Jazz und vor allem die Spirituals und Gospels. Wenig später - mit dem Siegeszug des Beatles - findet sich auch eine liturgische Form und ein Begriff dafür: die Beatmesse. Da die jungen Geistlichen ihre Kirchenmusiker nur selten dafür motivieren können, bitten sie weltliche Jazzer und Unterhaltungsmusiker mit einer gewissen Affinität zur Kirche um Unterstützung. So fing es auch bei Peter Janssens an. 1965 bringt er*)  zum Beispiel in Duisburg die katholische Kirche St.Maria Himmelfahrt zum swingen - zu Melodien von Spirituals:

((Vorspiel dem vorigen Text unterlegen))

Musik 3

"Mein Gott welche Freude",
auf: EP Freut euch, der Herr ist nah - Jazzmesse
schwann/ams studio 15009, 7 PAL2722

((nach 15 Sekunden rausziehen und unterlegen))

 

O-Ton 3 (Peter Janssens, Telgte)
Da kamen damals so 'n paar junge Theologen auf mich zu und haben gesagt, Mensch, du bist doch Jazzer, du machst doch auch Jazz. Lass uns doch mal was probieren, ob wir so Psalmen und Jazz, so was machen. Jazz war damals unser zeitgemäßes Medium der Musik. Wir kannten natürlich auch die Moderne, auch Zwölftonmusik und Schönberg und alles, aber das für mich nicht in Verbindung gesehen mit religiösen Texten für eine neue Form von Gottesdienst. Wir kannten die traditionelle Kirchenmusik, die hing uns zu den Ohren raus oder sonst wo.

Vor allem die übliche Orgelbegleitung wird von vielen als zu dominant empfunden. Die Königin der Instrumente, wie die Kirchenmusiker die Orgel gern liebevoll nennen, beherrscht den Gottesdienst und behindert damit zugleich die Beteiligung der Gemeinde. Aber die ist gefragt in diesen Jahren in denen sich die gesamte Gesellschaft im Umbruch befindet und alle Autoritäten in Frage gestellt werden. Über die Rolle der Orgel in der Gemeinde hat der Theologe und Kirchenmusiker Peter Bubmann nachgedacht:

O-Ton 4 (Dr.Peter Bubmann, Münster-Sarmsheim)
Die Orgel repräsentiert ein sehr stark vergeistigtes Verständnis von Glauben, weil sie in ihrer Vielstimmigkeit, auch in ihrer Abstraktheit sehr anspruchsvolle abstrakte Musik ermöglicht. Also wenn man an die Fugentechniken des 17. und 18. Jahrhunderts denkt, zum Beispiel. Die neueren Orgeln der Romantik haben aber auch sehr stark klangliche Elemente gehabt. Also, meine Behauptung ist, dass die Orgel nie ein wirklich volkstümliches Instrument war, es immer ein gewisse Tendenz gab, dass die Orgel dazu tendierte, das Volk zu entmündigen, weil sie ja sozusagen die große Musik übernehmen konnte und das Volk dann von vornherein in einer etwas schwächeren Position war, quasi untergeordnete, nicht so hochwertige Musik machen zu müssen.

Gleichwohl, Orgelvespern mit großer Musik vermögen noch immer die Kirchen zu füllen, und auch aus der Gottesdienstbegleitung ist die Orgel nicht wegzudenken. Sie gehört zur Aura des Kirchenraumes. Das Monopol jedoch hat sie in den evangelischen Kirchen verloren. Das drückt sich unter anderem im neuen Evangelischen Gesangbuch aus, mit dem seit 1994 in den Gemeinden gesungen wird. Allein im Stammteil, den alle Landeskirchen in Deutschland, Österreich und Luxemburg miteinander teilen, sind rund 150 Lieder aus der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts. Zwar hat nur ein Teil davon seine Wurzeln in den popmusikalischen Strömungen. In den landeskirchlichen Anhängen sieht das aber schon ganz anders aus. Jugendgruppen, Familiengottesdienste, Kirchentage und ökumenische Begegnungen haben ihren Teil dazu beigetragen, den populären Musikfarben auch im Gemeindealltag Raum zu verschaffen. Mit unterschiedlichem Erfolg. Die klassisch ausgebildeten Kirchenmusiker können bis heute nicht viel damit anfangen. Trotz allem: Die Gesangskultur ist seither vielfältiger geworden. Zur Zeit hat der Stil der ökumenischen Kommunität von Taizé‚ den stärksten Einfluss:

((ab "stärksten" unterlegen, dann hochziehen))

Musik 4 :

MC 1 (2/218-227): Ubi caritas,
auf: Neue Gesänge aus Taizé‚ - Instrumentalensemble,
Solisten, Knaben- und Jugendchor St.Michaelis Hamburg,
Christopherus 4 0170072 701015, LC 0612

((in den O-Ton langsam rausziehen))


*) Diese Information ist leider nicht gesichert! Peter Janssens hat zwar bereits die erste Duisburger Jazzmesse in der Kirche "St.Maria-Himmelfahrt" komponiert, arrangiert und auf der Orgel begleitet. Das gilt auch viele weitere unter der Leitung von Kantor Leo Schuhen. Im Unterschied zu anderen Schallplatten verzeichnet diese "Jazzmesse für die Adventszeit" Peter Janssens aber weder als Komponisten noch als Arrangeur. Das mag daran liegen, dass alle Melodien dieser Messe auf bekannte Spirituals zurückgehen.  
(weiter im Manuskripttext)


Teil 1 (von 4)

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