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Nachlass der frühen Moderne
Das Arnold-Schönberg-Center in Wien


© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 2004. 


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für Deutschlandfunk - Musikszene
Sonntag, 24. Oktober 2004, 15:05 - 15:55 Uhr

Teil 1 (von 5)

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Buch "Arnold Schönberg 1874 - 1951 . Lebensgeschichte in Begegnungen"
Nuria Nono-Schoenberg:
Arnold Schönberg 
1874 - 1951
Lebensgeschichte in Begegnungen
467 Seiten, reich illustriert

Wenn man in der Nähe der Staatsoper ist, kann man eigentlich zu Fuß gehen. Zum Schwarzenbergplatz ist es dann nicht mehr weit. Aber da der einige hundert Meter lang ist, muss man von dort noch einige Schritte laufen. Quasi bis vor die Tür kommt man mit dem 71er. Für Nicht-Wiener: das ist die Straßenbahnlinie 71. 

Von der Zielhaltestelle aus "Am Heumarkt" sieht man bereits die Tortenspitze von dem mächtigen dreieckigen Gebäude des Palais Fanto und davor die Fahnen mit den zwölf versetzten Balken – sie symbolisieren die zwölf Töne der Zwölftonmusik. Auf der Höhe der ersten Etage prangt in großer Leuchtschrift das Schild "Arnold-Schönberg-Center".

Track 1

Anfang: "Gepfiffen"
Ein unkonventioneller Versuch mit den ersten Noten
 von Arnold Schönbergs "Klavierkonzert" Op. 42"
 zum 5. Geburtstag des Arnold-Schönberg-Centers,
Mitschnitt einer Veranstaltung

Track 2 (Dr. Christian Meyer, Schönberg-Center Wien)
Schönberg hat gesagt, was wünscht er sich schon? Das eine ist, dass er gerne mal als ein bisschen besserer Tschaikowsky gesehen werden würde von der Musikgeschichte. Und das zweite, er hätte gern, dass seine Melodien eines Tages auf der Straße gepfiffen werden. Und das war so halb wahr und halb witzig, und nun haben wir gedacht, kein Problem, wir pfeifen Schönberg draußen auf der Straße und haben einen Akkordeonisten, der hier sehr viele Neue Musik bei uns macht, der das Schönberg-Klavierkonzert so transkribiert hat, dass er einen Ausschnitt davon auf dem Akkordeon spielen konnte – was aberwitzig war. Also das war atemberaubend. Das hat alle, auch die noch was von Schönberg gehört haben, in der Straßenbahn gefesselt. Und dann hat er einzelne Stimmen auch noch dazu gepfiffen. Und dann haben wir einen Ausschnitt aus Pierrot Lunaire gemacht von einer jungen Sängerin, und er hat den Klavierteil am Akkordeon gespielt. Und da haben wir dann den „Kranken Mond“ gemacht aus dem Pierrot und haben dazu noch Noten verteilt und hatten da auch noch einen jungen Schauspieler, der da als Moderator dabei war. Das war ne ganz wilde Drei-Mann-Partie, die hier den 71er gefahren ist. Der 71er, der verbindet die Wiener Innenstadt von Ring und vom Schwarzenbergplatz aus, fährt dann unmittelbar an unserem Center vorbei mit dem Wiener Zentralfriedhof. Und der ist ja für Wien etwas ganz Besonderes, das ist ja nicht nur ein Ort für die Toten, sondern auch ein Ort für die Inspiration. Also eine wichtige Straßenbahnlinie, der 71er. So, und wird sind dann zwischen Zentralfriedhof und Innenstadt mit Schönberg hin- und hergefahren und haben da die Leute teilweise ein bisschen verblüfft und verunsichert, und schon war das Fernsehen da und das Radio da. Und das war ein Riesen-Remmidemmi. So haben alle miteinander – auch die Medien – gefeiert, dass das Schönberg-Center fünf Jahre alt ist.

Christian Meyer, Direktor des Wiener Schönberg-Centers spricht vom Jahre 2003. Von der Straßenbahnfahrt gibt es leider keine Tonaufnahme. Aber bei einer großen Gala zu diesem kleinen Jubiläum wurde der Versuch noch einmal wiederholt, den Anfang von Schönbergs Klavierkonzert mit den Gästen zu pfeifen:

Track 3

Ende: "Gepfiffen"

Ein unkonventioneller Versuch mit den ersten Noten
 von Arnold Schönbergs "Klavierkonzert" Op. 42"
 zum 5. Geburtstag des Arnold-Schönberg-Centers,
Mitschnitt einer Veranstaltung

((langsam in den Text ausblenden und rausziehen))

„Falsch phrasiert“, warf ein Besucher spöttisch ein. Und wie man sich leicht denken kann, klingt es im Klavierkonzert ein wenig anders. Dieses Konzert für Piano und Orchester, Opus 42 stellte Arnold Schönberg 1942 fertig, 1944 wurde es in New York uraufgeführt. Die folgende Aufnahme wurde im Dezember 1992 in London aufgezeichnet. Wir hören einen Ausschnitt aus dem Andante. Das Piano spielte damals Emanuel Ax. Am Pult des Philharmonia-Orchestra stand der Finne Esa-Pekka Salonen.

((Anfang muss frei stehen! Die ersten Töne sind wichtig.))

Track 4 

Andante,
aus: Concerto for Piano and Orchestra, Op. 42
(Piano: Emanuel Ax, Dirigent: Esa-Pekka Salonen),
auf: Schoenberg in America 1934-1951
SONY Music 5 099706 202226, LC 6868

((nach ca. 2:50 absenken und rausziehen))

„Live was so easy“ – Das Leben war so einfach – diese programmatische Anmerkung findet sich in Arnold Schönbergs Notizen zu diesem ersten Abschnitt. Das Klavierkonzert wurde mit der Methode der Zwölf-Ton-Technik komponiert. In der musikalischen Dramaturgie versucht Schönberg seine Erfahrungen mit Antisemitismus und der anbrechenden Nazi-Herrschaft zu verarbeiten. In seinen Bemerkungen zu den nächsten Abschnitten heißt es zum zweiten „Plötzlich brach Hass aus“, zum nächsten „Es wurde eine bedenkliche Situation geschaffen“ und schließlich „Das Leben geht weiter“.

Schönberg war Jude von Herkunft, hat sich aber 1898 im Alter von 23 Jahren für den Protestantismus entschieden und sich evangelisch taufen lassen. Im Juni 1921 – er verbringt seinen Urlaub in Mattsee, knapp 20 km entfernt von Salzburg, und arbeitet an der Zwölfton-Methode – da erreicht ihn ein Brief der Gemeindeverwaltung des Urlaubsortes, Juden sei der Aufenthalt nicht gestattet. Ein eindrückliches Erlebnis, vielleicht sogar ein Wendepunkt in seinem Leben.

Dennoch: Schönberg versucht sachlich zu bleiben. Er wechselt den Urlaubsort und schreibt in Traunkirchen weiter an seiner „Methode mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen zu komponieren“. Er will einen Meilenstein setzen, um die geschwätzig-romantische Ära der Komposition zu überwinden, ohne aber auf ein ordnendes System zu verzichten. Christian Meyer beschreibt, was diese Art zu komponieren charakterisiert.

Track 5 (Dr. Christian Meyer, Schönberg-Center Wien)
Zwölf-Ton-Werke sind auch etwas, was nicht so entsteht, wie ein herkömmliches Werk, dass der Komponist sich vor das Notenpapier setzt und zu schreiben beginnt, sondern der erste Kompositionsschritt ist, dass Arnold Schönberg eine Reihe von zwölf Tönen festgestellt hat. Das sind die zwölf Halbtöne, die eben in einer Oktave drin sind: C, Cis, D, Dis, usw. bis zum H, und die angeordnet auf eine Art und Weise, von der Schönberg schon gesagt hat, das ist der erste Teil der Komposition. Weil, wenn so ganz scharfe Dissonanzen oft nebeneinander stellt, und diese Reihe würde dann immer wieder von vorne nach hinten abgespielt, dann würde es ein sehr schroffes Wer. Und man kann auch schreiben C, E, G. Das ist der C-Dur-Dreiklang, und dann kommen dauernd Dur-Dreiklänge, dann würde das eher runder klingen, vielleicht sogar fast ein bisschen tonal. Und die Regel, dann ist die Zwölf-Ton-Methode auch schon ganz erklärt, lautet: Man nimmt die Reihe, und der erste Ton, der erklingt, darf erste wieder erklingen, wenn alle andere elf Töne erklungen sind. Und was er so schafft ist, dass es nicht ein tonales Zentrum gibt. Es gibt also keinen Ton, der öfter vorkommt als die anderen, es gibt nicht so einen Grundton, der wichtiger ist als die anderen. Daher gibt es dann keine C-Dur mehr, weil das C-Dur so viel öfter vorkommt als die anderen und das H der Leitton ist und das E die Dur-Tonart, alles montiert dieses C, sondern die Töne kommen gleich oft vor. Das Lustige ist, dass von Kritikern das dann durchaus negativ als Demokratengeräusche bezeichnet wurde, weil eben die zwölf Töne gleich viel wert sind, auch ziemlich gleich oft vorkommen, und weil eben der Versuch ist, hier eine Demokratisierung der Tonanordnung zu bekommen.

Teil 1 (von 5)

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Hier können Sie einen Blick in einige Kapitel des Buches werfen.

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