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"Faith Design" - Musik, die über den Alltag hinausweist?
- Ist es banal oder bedeutsam wenn Sakrales die Charts erobert?

 

© für das Manuskript bei Heinz-Peter Katlewski, 1997. 


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für Deutschlandfunk "Musikjournal"
Montag, 3. Februar 1997, 20:10 - 21:00 Uhr

Musik 1: 

God shuffled his Feet,
auf: Crash Test Dummies,
BMG/Arista 7 4321165312, LC 3484

((danach unterlegen und mitlaufen lassen))

1993. Die "Crash Test Dummies" kommen mit einem merkwürdigen Lied auf den Markt. Es ist eine Geschichte über den achten Schöpfungstag. Gott lädt die eben erst geschaffenen Menschen zum Picknick mit Brot und Wein ein, um mit ihnen zu plauschen. Aber schon das erste gemütliche Beisammensein im Paradies wird zum Flop. Seine Geschöpfe sind neugierig und fragen ihn ein paar Dinge darüber, wie es denn so ist im Himmel. Ob man sich dort die Haare schneiden muss, oder vielleicht ein zu Lebzeiten verlorenes Auge zurückerhält. Gott wird verlegen und antwortet mit einer Geschichte, deren Sinn die Menschen nicht verstehen. „War das ein Gleichnis oder war es ein subtiler Scherz?“ fragen sie.

Thomas-Morus-Akademie, Bergisch Gladbach-Bensberg
Thomas-Morus-Akademie in Bergisch-Gladbach-Bensberg

Im Rahmen der Tagung „Sakrales in den Charts“ in der Katholischen Thomas-Morus-Akademie hat der Lübecker Pastor, Theologe und Popularmusik-Forscher Bernd Schwarze versucht, dieses Lied zu deuten. Für ihn ist ein Ausdruck des Religiösen, von Transzendierung, von Überschreitung des Alltäglichen:

O-Ton 1 (Dr. Bernd Schwarze, Lübeck)
Die Fragen, die die Paradiesbewohner in poetischer Konkretisierung an Gott richten sind nicht die Fragen Adams unmittelbar nach seiner Erschaffung, sondern vielmehr die religiösen Fragen von heute, zugespitzte Probleme des individuellen Glaubens. Die Unmöglichkeit gelingender Kommunikation wird in die Schöpfungsgeschichte eingetragen. Das Gesprächsdesaster zwischen Gott und Mensch begann schon am achten Tag. War Gottes Antwort ein Gleichnis oder ein subtiler Scherz? Der Song bietet keine Lösung an. Statt dessen lässt er im wiederkehrenden Refrain Gott erneut verlegen mit den Füßen scharren. Gott ist ratlos angesichts seiner eigenen Schöpfung.

Religiöse Themen und Religion kommen gerade in den letzten Jahren häufig in Songs der populären Musikgenres vor. Zum Beispiel bei Wolfgang Niedecken und seiner Gruppe BAP oder den Toten Hosen, dort sogar mit einem Konzeptalbum.

((bei „den“ bereits reinziehen))

Musik 2: 

Die Zehn Gebote,
auf: Die Toten Hosen „Opium fürs Volk“,
JKP 0630-13829-2, LC 3055

((sofort rausziehen))

In seinem Kampf um die Seele seines Vaters variiert Sting den Gott-Satan-Wettstreit des Hiob-Buches. Und Madonna vollführt in ihrem umstrittenen Video „Like a prayer“ in einem Kirchenraum eine Art sakralen Traumtanz und zitiert dabei eine Fülle von christlichen Metaphern und Heilsversprechen . Die zentrale Frage in der Bergisch Gladbacher Akademie war nun, ob sich hinter diesem Trend ein Anzeichen für eine neue Hinwendung zum Religiösen verbirgt?

Bernd Schwarze hat bei seinen Analysen eine kreative, aber häretische Religiosität beobachtet, eine, die wenig mit den Dogmen der Kirchen zu tun hat.

O-Ton 2 (Dr. Bernd Schwarze, Timmendorfer Strand)
Die Kirche erscheint als Ort positiver Konnotationen nur sehr selten in der Popkultur. Eine Ausnahme bilden nur die Werke einiger Stars, die ihre Selbstinszenierung bewusst in den christlichen Kontext stellen, Prince etwa oder Madonna. Sie stylen sich selbst zu heilsrelevanten Persönlichkeiten und es bleibt meist offen, ob sie in ihrer Botschaft sich selbst preisen oder eine höhere Macht. Ihre Religiosität ist eine Designer-Glaube, den ich  "Faith Design" nennen möchte.

Eine heute schon legendäre Produktion hat wenige Jahre zuvor Formen religiöser Musik popularisiert, die lange Zeit kaum mehr als eine Liebhaberei von einigen Sammlern und Anhängern mystisch-altkirchlicher Musik waren.

Musik 3: 

The Voice of Enigma,
auf: Enigma MCMXC a.D.,
Virgin 261209, LC 3098

((nach 12 Sekunden absenken und unter dem Text rausziehen))

„Guten Abend. Das ist die Stimme von Enigma. Lass dich für eine Stunde in die wundervolle Welt der Musik, der Spiritualität und der Meditation führen. Atme durch. Entspanne dich. Lass den Rhythmus auf dich wirken.“ Mit diesen Worten und einem Fluss von assoziativen Bildern, zusammengesetzt aus Naturerscheinungen, Motiven der religiösen Mythologie und Aufnahmen von sagenumwobenen Kult-Orten aus aller Welt lockte Anfang der neunziger Jahre ein Musikvideo seine Zuschauer und Hörer in religiöse Sphären. Auf die Worte kommt es dabei nicht an. Und doch führt das nächste Stück rhythmisch unterstützt in die Choral-Schola eines Mönchsklosters.

Musik 4:

Sadeness,
auf: Enigma MCMXC a.D.,
Virgin 261209, LC 3098

((nach ca. 12 Sekunden rausziehen))

O-Ton 3 (Prof. Dr. Erik Fischer, Bonn)
Selbstverständlich ist es die Gruppe Enigma gewesen, die zum ersten Mal innerhalb der Popularmusik - gleichsam nach außen hin, demonstrativ solche Anknüpfungen an sakrale Musik, und damit zugleich an die Tradition der abendländischen Musik gewagt hat, also eine Verknüpfung gewagt hat zwischen Popular- oder U-Musik und der Tradition des Abendlandes, der standardisiert so bezeichneten E-Musik.

Erik Fischer, Professor für Musikwissenschaft an der Universität Bonn findet zunächst die handfesten ökonomischen Folgen bedeutsam. Teile der sogenannten E-Musik erhielten damals erstmals ein zugkräftiges Argument zur Vermarktung ihrer Tonträger erhalten. Das Spannende ist, glaubt er...

O-Ton 4 (Prof. Dr. Erik Fischer, Bonn)
... dass plötzlich die Ensembles für alte Musik ihre Aufnahmen von Gregorianischem Choral als das Original zu Enigma auf den Markt bringen konnten, und in diesem Zusammenhang ist auch die Popularität des Canto Gregoriano sozusagen als das Authentische zum Popangebot zu verstehen.

Musik 5:

Pater noster,
auf: Die Botschaft der Mönche ,
Deutsche Grammophon 2894453912, LC 0173

((nach ca. 8 Sekunden rausziehen))

Gregorianik, und in seinem Schatten jedwede andere neu aufgelegte alte Kirchenmusik , hat seit Enigma deutlich günstigere Marktbedingungen, ob als vermeintliches Original oder als sphärische Popversion. Aber was sagen solche anhaltenden Markterfolge mit religiöser Musik oder religiösen Metaphern über die Wiederkehr des Religiösen? Beate Schlüter, Musikwissenschaftlerin an der Universität Bonn, schätzt das sehr nüchtern ein:

O-Ton 5 (Dr. Bettina Schlüter, Uni Bonn)
Es geht letztlich um die pure Erfahrung von Sinn oder besser die pure Erfahrung von Bedeutung als Bedeutung. Es geht also um das Erzeugen von Bedeutsamkeit in der Orientierung auf ein Zentrum, das selber inhaltlich völlig unkonkret, leer, unbestimmt bleibt.

Es verbirgt sich also nicht einmal ein Designer-Glaube hinter solchen Klängen und Texten und den dazu inszenierten Bilderwelten, jedenfalls nicht bei den Konsumenten. Bei der Vermarktung dieser Musik geht es nur darum, den Eindruck vermitteln, dass sie über den Alltag hinausweist. Die Klangfiguren und Bildsymbole appellieren häufig an diffuse bedeutungsträchtige Erinnerungen und mobilisieren entsprechende Gefühle. Auf diese Weise bedienen sie unbestimmte religiöse Sehnsüchte. Dennoch können Großinstitutionen wie die Kirchen daraus keine Hoffnung schöpfen, meint Bettina Schlüter. Es wird bei den Hörern weder eine spezifisch religiöse Werthaltung begründet noch ein konkretes Glaubenssystem nahegelegt. Im Zeitalter der Postmoderne sind alle große Deutungen unglaubwürdig geworden. Auch in der Musik sind sie bloß noch Ausdruck eines Lebensstils. Zitate des Religiösen werden zum Ersatz für eine gelebte Religiosität. An die Stelle eines, durch ein Glaubenssystem gestifteten Sinns tritt kaum mehr als ästhetische Differenzierung und damit zugleich einfach nur individueller Genuss.


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